Es ist Sonntag, Deutschland hat gestern ein Last-Minute-Tor im Gruppenspiel geschossen, ich habe mich so halb mitgefreut, weil mein Herz halb für Schweden schlägt, und heute gibt es in den Medien kaum ein anderes Thema. Doch, irgendwo am Rande der Schlagzeilen sitzt ein Flüchtlingsschiff fest. Man hat in letzter Zeit schon öfter von festsitzenden Flüchtlingsschiffen gehört, eins davon ist erst letzte Woche in Spanien gelandet.

Ich weiß, dass in den Gewässern vor unserer  europäischen Haustür gerade viele Menschen ersaufen. Wie viele? Keine Ahnung. Viele, dem Vernehmen nach. Kein Hafen möchte sie haben. Ich zucke beim Lesen solcher Nachrichten immer wieder zusammen, doch dann kommen mir natürlich immer das Leben und der Alltag dazwischen, die es angenehm vergessen lassen, so lange, bis die nächste Nachricht dazu auftaucht. Hallo, Gewöhnungseffekt. Dann ersaufen sie eben. Wir müssen unsere Grenzen schützen, ist überall zu hören. Keinen rein lassen. Es sind zu viele. Wer soll das bezahlen?

Ich schaue in die Augen von H, Ls bester Grundschulfreundin, die erst kürzlich aus dem Iran zu uns gekommen ist und noch heute Schwierigkeiten hat, alleine nach Hause zu laufen, weil sie beim Anblick jedes Lieferwagens zusammenzuckt. Sie musste oft miterleben, wie Kinder auf offener Straße geraubt wurden. Ich esse diese leckeren, salzigen Erdnüsse, die man erst knacken muss und die mir Hs Mutter immer in die Hand drückt, wenn ich H ins Flüchtlingsheim zurückbringe, weil sie mir irgendwas geben will, dafür, dass ich das Selbstverständlichste tue, was eine Grundschulmutter eben manchmal so macht: Eine Freundin von L mit nach Hause nehmen, sie einen Nachmittag mitversorgen, sie wieder zurückbringen.

Der Alltag crasht meine Ignoranz, dieses gemütliche sich-dran-gewöhnt-haben, von ganz alleine.  Es reicht mit “Dann ersaufen sie eben.”!

Wer nichts fragt, wird nichts gewahr.

Ich habe viele Fragen. Und das Mindeste, was ich von meinem gemütlichen, heimischen, sicheren Sofa an einem freien Sonntag machen kann, ist Antworten suchen. Meine Oma sagte immer: “Wer nichts fragt, wird nichts gewahr.” Ich fühle mich unwissend, obwohl ich viel lese und viel mitbekomme, und trotzdem habe ich das Gefühl, dass ich so gut wie gar nichts wirklich weiß. Das möchte ich ändern. Das werde ich ändern. Genauer hinsehen, mich besser informieren. Um mir ein Bild machen zu können. Um mir eine Meinung zu bilden. Um… ja, warum eigentlich? Um nicht wegzusehen. Um vielleicht irgendwie, irgendwo, irgendwas beeinflussen zu können. Und weil irgendwie alles besser ist, als gar nichts zu machen. Hier. Hier kann ich machen, was ich will. In meinem Blog. Und ich teile das, weil es anderen vielleicht auch so geht wie mir, und dann kann ich damit vielleicht sogar noch helfen.

Mit der Lifeline fange ich an. Ich weiß, viele versuchen, von Afrika aus übers Meer zu uns zu flüchten. Ich weiß auch, es gibt Schlepper und Menschenhändler, die da ihre Hände im Spiel haben. Ich weiß, halb Europa verliert sich gerade in einem unsäglichen Streit darüber, wer wann wie viele Flüchtlinge aufnehmen muss. Ich habe die Bilder von ertrunkenen Kleinkindern vor Augen. Und dass das alles nur ein Bruchteil der Wahrheit ist, das weiß ich auch.

Diese Fragen zum Lifeline Schiff hatte ich, und das sind die Antworten:

  1. Was ist das für ein Schiff? Wo sitzt es fest und warum?
    Ein ehemaliges Forschungsschiff der britischen Fischereiwirtschaft, das zum Seenotrettungsschiff umgebaut wurde3 und heute der deutschen Seenotrettungshilfe Mission Lifeline gehört. Offenbar hat es am Donnerstag, den 21.06.2018, vor der libyschen Küste etwa 220 Flüchtlinge von einem Schlauchboot gerettet. Mit marinetraffic.com kann man es leicht lokalisieren: Es fährt aktuell (24.06.18, Stand 15 Uhr) vor Malta. Fragt sich nur, wie lange noch, denn die italienische Regierung droht, es zu beschlagnahmen. Die Lifeline hat offenbar bereits versucht, Häfen in Italien und Malta anzulaufen, die das nicht gestattet haben. Deshalb schippert es nun ziellos weiter auf hoher See:
  2. Wer ist für dieses Schiff verantwortlich, wer hat diese Rettungsaktion gestartet?
    Die Dresdner Seenotrettungshilfe Mission Lifeline. Das ist ein eingetragener Verein, ein NGO, der sich aus privaten Spenden finanziert.
  3. Warum flüchten diese Menschen, wovor?
    In Libyen herrscht seit 2011Bürgerkrieg. Die Menschen flüchten vor Folter, Sklaverei und Vergewaltigungen. Es ist allerdings unklar, ob alle Flüchtlinge libysche Staatsbürger sind, da Libyen als Transitland für andere Flüchtende aus Afrika gilt2.
  4. Wer hat diese Flüchtlinge aufs Meer gebracht?
    Schlepper, vermutlich.
  5. In welchem Zustand sind sie nun auf diesem Boot?
    Axel Steier, Sprecher der Mission Lifeline, sagte, viele Menschen an Bord seien krank und bräuchten dringend medizinische Versorgung. Es ist dagegen nicht bekannt, welche Krankheiten sie haben.
  6. Warum bringen die Retter die Flüchtlinge nicht nach Libyen zurück?
    Die Frage erübrigt sich. Man könnte sie auch direkt ins Meer werfen.
  7. Warum hilft niemand den Rettern?
    Italien und Malta pochen darauf, dass die Retter gegen internationales Recht verstoßen. Die Rettung der Flüchtenden sei somit illegal.

Und so bin ich zu den Antworten gekommen.

Ich beginne bei diesem Artikel von SpOn heute: Hunderte Flüchtlinge sitzen auf dem Mittelmeer fest. Hier erfahre ich:

  • Die Lifeline sitzt mit Flüchtlingen an Bord auf dem Mittelmeer fest.
  • Italien und Malta haben die Einfahrt bereits verweigert.
  • Am Donnerstag, den 21.06., hatte die Lifeline auf internationalen Gewässern vor der lybischen Küste mehr als 220 schiffbrüchige Migranten im Mittelmeer an Bord genommen.
  • Das Lifeline Schiff fährt unter niederländischer Flagge, niederländische Behörden bestreiten dies jedoch.
  • Es scheint sich um ein privates Rettungsschiff zu handeln.
  • Italiens Innenminister, Matteo Salvini (von Politikwissenschaftlern als rechtspopulistisch eingestufte Lega-Partei 1) bezeichnete das Schiff als “gesetzlos”, es fallen Begriffe wie “Schlepper” und “Mafiosi”. Das ist übrigens derselbe, der gerade auch das hier macht, nur by the way.
  • Vorwurf: Helfer der “Lifeline” verstoßen gegen internationales Recht
  • Axel Steier von Mission Lifeline: Schiff wartet auf diplomatische Lösung. Es liefen Gespräche mit mehreren Staaten. Papiere des Schiffs seien in Ordnung.
  • Maltas Ministerpräsident Joseph Muscat (Partei): Malta wolle Schiff mit Hilfsgütern versorgen.
  • Deutsche Rettungsorgansiationen Sea-Eye und Sea-Watch kündigten an, Schiffe mit Proviant zur Lifeline zu schicken.
  • Italienische Küstenwache sieht sich nicht zuständig für Rettungsaktionen vor lybischer Küste, verweist auf lybische Küstenwache.
  • Seerecht: Koordinator einer Rettungsaktion muss Flüchtlingen sicheren Hafen bieten.

Mein erster Eindruck: Was für ein fürchterliches, unwürdiges Spiel mit Menschenleben. Mir schießen sofort 1.000 weitere Fragen durch den Kopf. Angefangen bei: Wie kann das sein? Ich gehe auf bild.de. Ja, ich weiß, das tut man nicht, wenn man über ein Mindestmaß an Medienkompetenz verfügt. Ich mache es trotzdem, weil ich sehen will, wie die Bild mit dem Thema umgeht.

  • Hier erfahre ich, auch das Handelsschiff “Alexander Maersk” treibe aktuell mit 113 Flüchtlingen an Bord in internationalen Gewässern. Auch hier ist zu lesen, dass Malta dem Schiff zumindest mit Hilfsgütern helfen wolle. Man sieht ein Bild, auf dem die Flüchtlinge am Donnerstag gerade vom Schlauchboot auf die Lifeline gebracht werden. Die BILD schreibt außerdem, viele Menschen an Bord seien krank und beruft sich auf Steier. Die Maersk hingegen fahre vor der Küste Siziliens, ein Sprecher des dänischen Unternehmens gab an, die Flüchtlinge seien Freitag (22.06.) an Bord geholt worden, nachdem die italienische Küstenwache die Maersk alarmiert hatte.
  • Der Tagesspiegel schreibt ebenfalls von 220 Flüchtlingen (n-tv spricht von 230) an Bord der “Lifeline”. Beim Tagesspiegel erfahre ich außerdem, dass die Lifeline der deutschen Rettungsorganisation “Mission Lifeline” gehört. Italiens Innenminister Matteo Salvini drohte Mission Lifeline damit, sämtliche Schiffe der Organisation zu beschlagnahmen und nannte die Flüchtlinge in diesem Zusammenhang “Menschenfleisch”. Stimmt das wirklich? Wie hat er das gemeint?
  • Ich google den Begriff in den Google News. Die Huffington Post postet ein Video, das Salvini zeigt, wie er angeblich genau das sagt, er soll es selbst bei Facebook gepostet haben. Ich sehe es mir an. Leider kann ich kein Italienisch, und es gibt keine Übersetzung. Der Tagesspiegel hat eine parat: „Sie [die Rettungsorganisationen, meine Anm.] riskieren das Leben der Migranten auf den Schlauchbooten, hören nicht auf die italienischen und libyschen Behörden und intervenieren, um diese wertvolle Ware von Menschen – von Menschenfleisch – an Bord zu laden.“
  • Laut n-tv sagt Italiens Verkehrsminister Toninelli (5-Sterne Bewegung), die “Lifeline” habe internationales Recht gebrochen. Im selben Bericht erfahre ich, das die lybische Küstenwache von der EU ausgebildet und ausgerüstet wird, um ausgehende Boote zu stoppen und Rettungsaktionen durchzuführen. Allerdings führten ungenügende Kapazitäten dazu, dass internationale Organisationen aushelfen müssten.
  • n-tv.de schreibt: Italien beschuldige Nichtregierungsorganisationen wie Mission Lifeline, mit Schleppern unter einer Decke zu stecken und ohne rechtliche Grundlage unter niederländischer Flagge zu fahren, was Mission Lifeline zurückgewiesen habe.
  • Der Tagesspiegel schreibt: Das UN-Flüchtlingswerk gäbe an, in den letzten Tagen seien darüber hinaus etwa 220 Menschen im Mittelmeer ertrunken. Mehr als 1.000 Tote seit Beginn des Jahres. Der Tagesspiegel ist das einzige Medium, das ich heute lese, das ein wenig mehr auf die Fluchtursachen eingeht. Er schreibt: “Viele Flüchtlinge sitzen in Libyen fest, wo sie nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen Folter und Vergewaltigungen ausgesetzt sind. Für die meisten Migranten ist es keine Option, aus Libyen in ihre Heimatländer zurückzukehren, weshalb sie trotz schlechter Aussichten den Weg übers Mittelmeer wagen.”
  • Bei Wikipedia2 lese ich: US-Präsident Barack Obama nannte in einem Interview am 11. April 2016 die Tatsache, dass die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten es versäumt hätten für stabile Verhältnisse und eine geordnete Regierung in Libyen nach dem Sturz des Gaddafi-Regimes zu sorgen, den insgesamt „größten Fehler“ seiner achtjährigen Amtszeit 2009–2017.
  • Ich schaue mir die Website von Mission Lifeline an. Dort erfahre ich, dass diese Organisation sich auf die Rettung von in Seenot Geratenen auf dem zentralen Mittelmeer konzentriert. Ihre Motivation formulieren sie folgendermaßen: “Wir sehen dem Sterben der Menschen im Mittelmeer nicht tatenlos zu, während eine menschliche und politische Lösung auf sich warten lässt – und wir hoffen auf Ihre Mitwirkung, bei der realistischen Möglichkeit, vielen Menschen das Leben retten zu können.” Sie kooperieren mit anderen Hilfs- und Rettungsorganisationen. Sie sammeln Spenden, ihr aktuelles Ziel sind 48.000 Euro, die sie benötigen, um einen weiteren Monat lang arbeiten zu können, wovon sie bereits 41.675 Euro (24.06.18) haben. Ich sehe ein Video der Band “Die Ärzte” auf der Website von Mission Lifeline, in dem sie bekannt geben, die Rettungsorganisation “mit Herz und Seele” zu unterstützen. Sie sagen darin: “Fluchthelfer sind keine Schleuser.” Über den Twitter-Account con Mission Lifeline sehe ich, dass es sich um eine Dresdner Rettungshilfe handelt. Die AfD, die Identitären und Pegida bezeichnen diese Organisation als “Schlepper-NGO” und haben sich dafür bereits eine einstweilige Verfügung eingehandelt, erfahre ich bei den Dresdner Neueste Nachrichten. Ich frage mich, wer ist dieser Axel Steier von Mission Lifeline, den die Medien zitieren?
  • Ich erfahre nicht viel über ihn aus unabhängigen Quellen. Auf der Website von Mission Lifeline steht: “Rettungsassistent, Soziologe, Einzelhändler, Initiator für die MISSION LIFELINE & Öffentlichkeitsarbeit”. In der Lausitzer Rundschau erfahre ich, dass gegen Mission Lifeline bereits wegen Schlepperei ermittelt wurde. Hier steht auch, dass Axel Steier und der Mission Lifeline-Vize Sascha Pietsch bereits seit Beginn der Flüchtlingskrise 2015 Spenden sammeln, damals Konvois Richtung Serbien organisierten. Dass sie für ein Schiff, mit dem sie vermutlich heute Patrouille fahren, 240.000 Euro zusammen bekommen haben, nötigt mir Respekt ab.
  • Noch ein Fact am Rande zur Alexander Maersk: Dahinter steht keine Rettungsorganisation, sondern ein dänischer Frachterschiffkonzern. Der war laut welt.de von der italienischen Küstenwache selbst am Freitag alarmiert worden, hatte die Flüchtlinge gerettet und liegt nun vor dem Hafen von Pozzallo, darf aber auch nicht anlegen. Dies schreibt auch zdf.de. Hier greift also der Vorwurf, unrechtmäßig Flüchtlinge aus dem Meer zu fischen und gegen internationales Recht zu verstoßen, nicht. Italien bittet das Schiff also um Hilfe, lässt die Flüchtlinge dann aber nicht an Land. Bin sehr gespannt, wie das ausgeht.

Fazit

Die 1.000 ertrunkenen Flüchtlinge im Mittelmeer seit Jahresbeginn haben immerhin nicht gegen internationales Recht verstoßen. Das ist es ja offenbar, worauf es ankommt. Als Finanzredakteurin schrieb ich schon  öfter von sicheren Geldanlagen als “sicheren Häfen”. Das lasse ich ab jetzt.

1 = https://de.wikipedia.org/wiki/Lega_Nord
2 = https://de.wikipedia.org/wiki/Libyen
3= https://de.wikipedia.org/wiki/Lifeline_(Schiff)

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.