Ich habe in den letzten Wochen eine neue Lektion gelernt. Sie lautet: Wenn ich mich selbst nicht ernst nehme, in Bezug auf das, was ich mache – wie um alles in der Welt soll ich dann andere von mir überzeugen? Ich erzähle ich euch jetzt meine kleine Autorinnen-Geschichte. Von meinen Anfängen an Mamas oller Schreibmaschine im Alter von 6 Jahren über meine ersten Geschichten und mein Literaturstudium bis hin zu den Menschen, die mich bisher immer wieder mit Nachdruck daran erinnern, wer und was ich bin, was ich kann und dass ich verdammt nochmal endlich den Roman beenden soll. Und davon, warum es mir so schwer fällt, zu sagen: Hallo, mein Name ist Ilona, und ich bin Autorin. Aber fangen wir von vorne an.

Wer erstmal nicht an mich glaubte: Meine Mutter.

Bereits kurze Zeit nach meiner Einschulung war ich des Formulierens korrekter Sätze mächtig und entdeckte, dass es sich mit der Schreibmaschine meiner Mutter viel leichter schreiben ließ als mit der Hand. Fortan hackte ich Stunde um Stunde auf die alte Maschine ein. Die Geschichten sprudelten nur so aus mir heraus, ich produzierte stapelweise vollgeschriebene DIN-A-4-Seiten, deren Inhalt niemand lesen durfte und die ich übrigens dreißig Jahre später beim Auflösen des elterlichen Haushaltes alle im Keller wiederfand. Jedenfalls war ich ein Schreib-Nerd-Kind. Ich liebte es, in meine Fantasiewelten abzutauchen. Ich schrieb Abenteuergeschichten, die ganz leicht von Ronja Räubertochter inspiriert waren. Ich schrieb Drehbücher zu Fernsehserien, die stark an “Ich heirate eine Familie” erinnerten, ich schrieb Gedichte, Aufsätze und Pamphlete über die Ungerechtigkeiten meines kleinen Lebens, vor allem mit den Erziehungsmethoden meiner Eltern ging ich hart ins Gericht. Ich schrieb und schrieb und schrieb. Irgendwann wurde es meiner Mutter zu bunt, beziehungsweise zu laut. In ihrer Verzweiflung versteckte sie die Maschine im Keller und schüttete beim Elternsprechtag ausgerechnet meinem Erdkundelehrer, den ich eigentlich nicht leiden konnte, ihr Herz aus. Irgendwas sei mit dem Kinde nicht in Ordnung, es schriebe sich die Finger wund und wolle nicht aufhören. Und damit präsentiere ich:

Person 1, die an mich glaubte: Mein Erdkundelehrer.

Der hatte nämlich überhaupt kein Verständnis für die Sorgen meiner Mutter, im Gegenteil. Er sagte, sie solle die Maschine wieder hochholen, und zwar subito, und sich gefälligst an einer so kreativen Tochter erfreuen. Nach dieser Standpauke schlich meine Mutter geläutert in den Keller. Ich bekam meine geliebte Olympia wieder, mochte meinen Erdkundelehrer plötzlich erstaunlich gern leiden, und meine Mutter kaufte sich noch am selben Tag einen Hunderterpack Ohropax in der Apotheke. Behauptete sie jedenfalls. Vom permanenten Tippgeräusch wurde sie erst halbwegs erlöst, als ich einige Jahre später meinen ersten 386-er bekam, dessen Tastatur wesentlich leiser war. Die alte Olympia hatte ausgedient, aber ich fing gerade erst so richtig mit dem Schreiben an, sehr zur Freude von…

Das Corpus Delicti aus dem Keller: Es gibt sie noch, Mamas alte Olympia.

Person 2&3, die an mich glaubten: Meine Deutschlehrer.

In der Unterstufe hatte ich eine ganz reizende Deutschlehrerin, der es nichts ausmachte, meine seitenlangen Aufsätze zu lesen und zu korrigieren und die meine Leidenschaft für gute Geschichten erkannte. Ihretwegen gewann das wohl schüchternste Mädchen der Klasse, also ich, den Vorlesewettbewerb der 6. Klassen und schaffte es sogar über den Stadtwettbewerb bis zum Landeswettbewerb. In der Oberstufe bekam ich einen Deutschlehrer, der gerüchteweise Einsen unter meine Arbeiten schrieb, ohne sie zu lesen. Das hätte mir in Mathe auch mal passieren sollen. Am Ende habe ich in der Deutsch-LK-Abitur-Klausur mit 25 handgeschriebenen DIN-A-4-Seiten in nur drei Stunden einen neuen Stufenrekord aufgestellt, und das bei einer Interpretation von Thomas Manns Doktor Faustus.

Person 4, die an mich glaubte: Mein Literaturprofessor.

Nach dem Abi ging’s auf der Uni mit älterer deutscher Literatur, neuer deutscher Literatur später auch mit der Literatur des skandinavischen Raumes weiter. In Hamburg bin ich einem fantastischen Germanistik-Professor begegnet, der bis kurz vor der Rente jeden Tag mit einem Leuchten in den Augen zur Uni kam und es schaffte, mir Mittelhochdeutsch, Hartmann von Aue und Minnegesänge näherzubringen. Er sagte nach einer Klausur zu mir:

Sie sind eine Schriftstellerin. Das erkenne ich.

Ein gestandener Germanistikprofessor sagte mir, dass ich das Zeug zur Schriftstellerin hätte. Das zeigte Wirkung. Ich begann, einen Roman zu schreiben. Das ist nun 17 Jahre her. Es gibt Autoren, die schreiben in 17 Jahren 18 Bücher. Ich gehöre nicht dazu. Trotz all der Schreibrekorde, die ich bereits aufgestellt habe. An dieser Stelle schwächelte ich gewaltig.

Was um alles in der Welt ist dazwischen gekommen?

Wo soll ich anfangen: Ein Studium, das beendet werden wollte, sehr viele Websites, die ich dringend zwischendurch hochziehen musste, mehrere Nebenjobs, eine Hochzeit, ein Kind, diverse Umzüge (so an die 10-12 Stück glaube ich), eine Trennung, die Haushaltsauflösung meiner Eltern, Mamas Umzug nach Hamburg, ein Vollzeitjob. Irgendwas war ja immer. Mein Alltag ist bis heute schon nicht ohne, ich arbeite noch immer 40 Stunden die Woche, kümmere mich um meine Tochter und meine pflegebedürftige Mutti, habe praktisch zwei Haushalte zu versorgen und finde oft einfach keine Zeit für mich und meine Bedürfnisse. Das ist aber eben nur die halbe Wahrheit. Denn für Netflix hatte ich eigentlich immer Zeit, komischerweise. Fürs Schreiben dagegen weniger. Da stimmt doch was nicht? Richtig! Ich habe die falschen Prioritäten gesetzt. Warum? Nein, ich hatte keine Schreibflaute. Es war viel schlimmer. Ich hatte Angst.

Wer hat Angst vorm eigenen Roman?

Denn wenn ich nicht regelmäßig zum Schreiben komme, dann muss ich mich immer erst wieder reinfinden. Und wenn das nicht passiert, sitze ich ratlos vor dem blinkenden Cursor. Und wenn ich ratlos vor dem blinkenden Cursor sitze, entwickele ich eine akute Schreibflaute. Und aus dieser Schreibflaute entsteht die Angst, niemals wieder etwas Sinnstiftendes zu Papier zu bringen. Und diese Angst bringt ihre große Schwester namens Selbstzweifel mit, und sie sagt: Nein, Ilona, auf diese Weise wird das nie was! Halt die Klappe, antworte ich, klappe aber unterwürfig den Laptop zu und poliere als Meisterin der Prokrastination lieber die gesamte Wohnung auf Hochglanz oder mache die Steuererklärung. So weit ist es mit mir und dem Roman schon gekommen. Und dann brüllten die ollen Selbstzweifel drauflos:

Du bist sowieso keine Autorin, du hast ja noch gar nichts veröffentlicht.

Diese Frage wird in den Autoren-Communitys, in denen ich mich so bewege, gern und oft diskutiert. Es gibt viele Stimmen, die sagen, eine echte Autorin wäre man erst, sobald man erste Veröffentlichungen vorweisen kann. Bücher, wohlgemerkt. Keine Artikel. Und nein, ich habe tatsächlich noch kein Buch veröffentlicht, wenn man mal von einer weihnachtlichen Kurzgeschichte in der Geschichtensammlung eines Webrings vor 20 Jahren absieht. Bin ich deshalb keine Autorin? Ich sage: Quatsch. Natürlich bin ich das! Falsch, sagen andere, dann bist du höchstens Hobby-Autorin. Aber darauf lasse ich mich auch nicht mehr reduzieren. Ich glaube, niemand würde behaupten, Astrid Lindgren sei vor ihrer ersten Veröffentlichung noch keine richtige Autorin gewesen. Wie hätte sie sonst ihr Erstlingswerk verfassen können? Und wie oft ihre Texte abgelehnt wurden! Ja, diese Verlage haben vermutlich damals die Meinung vertreten, es handele sich bei ihr um eine Hobby-Autorin. Wie man sich doch irren kann, nicht. Ich weiß, dass man auf die Meinung anderer nicht immer zu viel geben soll. Und trotzdem habe ich mich genau aus diesem Grund nie getraut, zu sagen: Ich bin Autorin. Richtige Autorin. Denn, wo ist das Buch?

Person 5, die an mich glaubt(e): Der Lektor eines großen Verlages.

Und nun wird es ganz verrückt. Als der Roman, mit dem ich im Studium begonnen hatte, so halbwegs fertig war, schickte ich die ersten Kapitel ungeduldig zu einem einzigen Verlag. Ich dachte damals, was soll’s, einfach mal testen, da passiert doch eh nichts. Aber Pustekuchen. Wie das Leben so spielt: Drei Tage später hatte ich eine E-Mail im Postfach, von einem Lektor, der unbedingt noch den Rest lesen wollte. Der aber gar nicht fertig war. Kleinlaut antwortete ich: Sorry, aber da gibt es noch nicht mehr. Und er antwortete:

Egal, wie lange es dauert, wenn er fertig ist, möchte ich ihn bekommen. Egal, wann.

Ich hoffe, er hat das “egal wann” ernst gemeint. Ich habe die E-Mail nämlich aufgehoben und gerade nachgesehen, wie lange das jetzt her ist: 15 Jahre. Und in dieser Zeit haben wir immer mal wieder hin- und hergeschrieben, aber was soll ich sagen, ich bin eben immer noch nicht fertig. Der Roman ist noch nicht so weit, und bevor ich nicht sage: Ja, jetzt passt es, schicke ich den nirgendwo mehr hin. Da bin ich konsequent. Der Lektor hat inzwischen drei Mal den Verlag gewechselt, und vermutlich wird er mich für geistig umnachtet halten, wenn ich mich jetzt noch bei ihm melde. Aber vielleicht auch nicht. Was kann schon passieren. Ich werde es austesten, sollte der Roman je fertig werden. Ich bin auf einem guten Weg, denn die letzten Ängste und die dicke Schreibblockade von neulich habe ich hinter mir gelassen. Und Schuld daran ist, ohne es zu ahnen, ein ehemaliger Chef. Damit kommen wir zu:

Person 6, die an mich glaubt: Eine ehemalige Führungskraft.

Neulich habe ich auf Arbeit alte Dokumentationen von früheren Performance-Dialogen von mir überflogen, um meine Projekte der letzten Jahre Revue passieren zu lassen. Und so stolperte ich über diese Sätze, an deren Existenz ich mich gar nicht mehr erinnern konnte (mir ist bewusst, dass man eigentlich keine Inhalte aus Personalgesprächen veröffentlichen sollte, aber ich denke mal, in diesem Fall geht das in Ordnung):

Du bist mit Haut und Haar eine Autorin! Ich glaube, dass das in der Vergangenheit oft nicht gesehen wurde.

Ich hatte das ganz vergessen und war gerührt, es nochmal zu lesen. Er bezog sich damals darauf, dass ich einst mit Mission MamaPapa für einen Blogpreis nominiert war. Im Anschluss daran hatte ich einige Angebote erhalten, Ratgeber zum Thema “Wenn Eltern altern” zu schreiben, diese aber aus persönlichen Gründen abgelehnt. Das hatte er alles mitbekommen. Wie man sieht, war es meinem Chef auch egal, ob ich ein Buch veröffentlicht hatte oder nicht. Und er hielt diese Information, ich sei mit Haut und Haar Autorin, für Job-relevant genug, um sie im Zuge meines Performance-Gesprächs zu notieren. Das machte mich neulich sehr nachdenklich, gab mir nochmal einen Schubs. Mir dämmerte: Ich muss bei mir selbst anfangen.

Person 7, die an mich glaubt: Ich selbst. Na endlich.

Der Weg zur Romanveröffentlichung wird, denke ich, nicht immer nur von wohlmeinenden Personen begleitet. Oft genug ist er auch gesäumt von Zweiflern, manchmal von Neidern und von Entscheidern, die nicht erkennen, was in einem steckt. Folgerichtig muss ich selbst diejenige sein, die am allermeisten an sich glaubt, denn sonst kann ich die anderen, die mich noch nicht kennen und mir auf diesem Weg weiterhelfen können, gar nicht von mir und meinem Können überzeugen. Oder ich finde erst gar nicht die richtigen Personen, die mich unterstützen, weil die gar nicht auf mich aufmerksam werden. Meine Angst ist verflogen. Die Schreibblockade auch. Manchmal braucht man so eine Initialzündung, um eine solche Phase zu überwinden. Die hatte ich neulich, als mich die kleine Notiz im Performance-Gespräch daran erinnerte, wie viele Menschen außer mir selbst an mich glauben. Und ich habe hier gar nicht alle benannt. Es sind noch mehr da draußen, von denen ich weiß, dass sie jetzt nicken. Für euch (und für mich natürlich!) beende ich den Roman jetzt und nehme euch ab sofort auch hier im Blog mit auf die weitere Reise. Hallo, mein Name ist Ilona, und ich bin übrigens Autorin.

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